Giuliano Nicolini

Giuliano Nicolini (25. März 1913 in Stresa – 6. April 1945 im KZ-Außenlager Unterlüß) war ein italienischer Vinologe und Offizier der italienischen Streitkräfte, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Nicolini absolvierte ein Studium der Agrartechnik und Önologie an der Regia Scuola di viticoltura ed enologia in Alba. Er arbeitete im Familienbetrieb, einer Weinhandlung.

Als Angehöriger des faschistischen Besatzungsheeres nahm er im Zweiten Weltkrieg im Range eines Infanterieleutnants an Kämpfen in Albanien und Montenegro teil. Am 1. Januar 1943 wurde er zum Hauptmann, befördert. Nach der Machtübernahme Hitlers in Norditalien nach dem Waffenstillstand am 8. September 1943 zählte er zu jenen italienischen Soldaten, die nicht bereit waren, sich auf die Seite des NS-Regimes zu stellen. Er wurde in Haft genommen und später nach Deutschland deportiert. „Es folgte eine via crucis in einer Reihe von Internierungs- und Konzentrationslagern“: Stalag 307 in Dęblin-Irena (im heutigen Polen), Wesuwe, Oberlangen und Stalag X-B in Sandbostel (alle in Niedersachsen), dann Kriegsgefangenenlager Stalag XD 310 und schließlich ein Außenlager des KZ Bergen-Belsen.

Dort sollte er und andere italienische Kriegsgefangene zur Kollaboration gezwungen werden. Weil sie sich verweigerten ordnete die SS die Hinrichtung von 21 italienischen Kriegsgefangenen an. Darauf meldeten sich 44 italienische Offiziere, darunter Giuliano Nicolini, um anstelle ihrer Kameraden hingerichtet zu werden, In Italien sich sie als die “44 Helden von Unterlüß” bekannt.
Am 24. Feruar 1945 wurden sie zur “Umerziehung durch Arbeit” in das Konzentrationslager Unterlüss geschickt, um Zwangsarbeit bei Rheinmetall zu leisten. Sechs von ihnen kamen unter den Schlägen der Folterer ums Leben. Am 6. April 1945 wurde Giuliano Nicolini von einem ukrainischen SS-Aufseher zu Tode geprügelt.

Im Januar 1950 wurde sein Leichnam exhumiert und in seine Heimatstadt überführt. Dort wurde er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Kommunalfriedhof von Stresa bestattet.

Am 25. April 1972 ehrte ihn die Stadt Mailand als Märtyrer für die Freiheit. 1974 anerkannte ihn das Regionalparlament des Piemont als „Politischen Häftling in den NS-Konzentrationslagern und Kämpfer für die Freiheit“. Im Februar 2015 wurde er in Avigliana mit der Medaglia d’Argento al Valor Militare ausgezeichnet, der italienische Tapferkeitsmedaille in Silber. Am 2. Juni 2015 wurde ihm postum die Medaglia d’onore ai cittadini italiani deportati e internati nei lager nazisti 1943-1945 verliehen, die Ehrenmedaille für italienische Staatsbürger, die in den Jahren 1943 bis 1945 in NS-Konzentrationslager deportiert und interniert waren.

Am 17. Januar 2016 wurde vor seinem ehemaligen Wohnsitz in Stresa, in einer kleinen Privatstraße nahe der Piazza Possi, ein Stolperstein zum Gedenken an Nicolini verlegt.


Ein italienischer Held aus Unterlüß

Giuliano Nicolini wiedersetzte sich dem Druck der Nazis und wurde dafür kurz vor der Befreiung 1945 in Unterlüß ermordet.

Giuliano Nicolini wurde in Unterlüß ermordet. Er wurde nur 32 Jahre alt.

aus: https://www.cellesche-zeitung.de/Celler-Land/Suedheide/Ein-italienischer-Held-aus-Unterluess

UNTERLÜSS. Es war ein goldener Stein, über den Viktoria Hartmann im Urlaub in Stresa am Lago Maggiore in Italien stolperte. In den Boden inmitten der Kleinstadt eingelassen war dort ein Stolperstein, der in Gedenken an den Kapitän der italienischen Armee Giuliano Nicolini, dort verankert wurde.

Der Offizier wurde im Alter von 32 Jahren kurz vor der Befreiung in einem Umerziehungslager in Unterlüß umgebracht. In Italien wird er als Held verehrt, denn seine Geschichte ist eine sehr besondere.

Giuliano Nicolini studierte Agrarwirtschaft und begann anschließend im Familienbetrieb zu arbeiten. 1942 wurde er eingezogen und kämpfte in Albanien und Montenegro auf dem Balkan mit den 114. Bataillon Gunners des Grenzschutzes. 1943 änderte sich der Verlauf des Krieges und Italien stand nicht mehr länger an der Seite von Adolf Hitler. Giuliano Nicolini wurde nach Deutschland verschleppt und durch mehrere Internierungslager gereicht.

Er kam schließlich im Lager Wietzendorf an. Mehrere 1000 italienische Offiziere waren dort interniert. Es hieß kurz Oflag 83. „Die baufälligen Unterkünfte waren überfüllt, schlecht geheizt und voller Ungeziefer. Der ständige Hunger, die Entbehrungen, die Monotonie des Lageralltags wirkten zermürbend“, heißt es einem Informationstext in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Gemäß der Genfer Konvention mussten die Gefangenen zunächst keine Zwangsarbeit leisten. Um sie dennoch in der deutschen Industrie einsetzen zu können, forderte das Oberkommando der Wehrmacht sie laut der Gedenkstätte am 12. Januar 1944 auf, sich freiwillig zum Arbeitseinsatz zu melden. „Dafür wurden ihnen eine Beschäftigung entsprechend der eigenen Qualifikation sowie eine deutliche Verbesserung der Lebensumstände in Aussicht gestellt“. Doch das stieß auf wenig fruchtbaren Boden bei den Kriegsgefangenen. Die meisten weigerten sich weiter. Deshalb sollten sie unter der Androhung von Repressalien zwangsweise rekrutiert werden. Trotzdem verweigerte ein Großteil von ihnen aber weiterhin die Arbeit.

Am 17. Februar 1945 wurden laut Infotext 213 italienische Offiziere aus dem Oflag 83 für Instandsetzungsarbeiten am Fliegerhorst Dedelstorf zwangsrekrutiert. Da die Männer den Arbeitseinsatz dort verweigerten, wurden wahllos 21 von ihnen von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt. „Spontan trat eine Gruppe von weiteren Offizieren vor, die bereit waren, sich an Stelle ihrer Kameraden erschießen zu lassen. Das Todesurteil wurde aufgehoben und insgesamt 44 Offiziere, unter ihnen auch Giuliano Nicolini, wurden schließlich als Strafmaßnahme in das Arbeitserziehungslager der Gestapo in Unterlüß gebracht.

Was folgte, waren offenbar Wochen mit Folter, nur sehr wenig zu essen und Schikane. Am 6. April 1945, so erinnerte sich Giovanni Guareschi in einem Tagebuch später, wird Giuliano Nicolini von einem ukrainischen Vorarbeiter zu Tode geprügelt.

Seine Leiche wird zunächst auf einem Feld vergraben. Ein Mitgefangener, Paul Diverio, sorgt dafür, dass der damalige Pastor von Unterlüß und der Landbesitzer auf das Grab aufpassen. Zurück in Italien setzt er alle Hebel in Bewegung und schließlich kehrt er 1950 zurück nach Unterlüß. Der Leichnam des Kapitäns wird exhumiert und in seine Heimatstadt nach Stresa gebracht. Dort wird er auf dem örtlichen Friedhof begraben. Posthum werden ihm und den anderen Offizieren, die als die 44 Helden in die Geschichte eingehen, zahlreiche Ehrungen verliehen. Verliehen für ihre Opferbereitschaft, die unter anderem Giuliano Nicolini das Leben gekostet hat.

Von Tore Harmening